Hohe Wohnkosten machen fast zwei Millionen Menschen in Spanien arm

Symbolbild – mit künstlicher Intelligenz erstellt
Inhaltsverzeichnis
Hohe Wohnkosten drücken in Spanien nach einer Fedea-Modellrechnung rund 1,95 Millionen Menschen zusätzlich unter die relative Armutsgrenze. Wird der Aufwand für den Zugang zur Wohnung vom Einkommen abgezogen, steigt die Quote für 2025 demnach von 19,5 auf 23,5 Prozent. Besonders stark trifft dieser Effekt Menschen, die zu Marktpreisen mieten. Die sogenannte versteckte Armut ist jedoch keine amtliche Kategorie, sondern ein analytisches Konzept der Studie.
Wohnkosten verändern das Bild der Armut
Hohe Ausgaben für Miete und Wohneigentum führen in Spanien einer Studie zufolge dazu, dass rund 1,95 Millionen Menschen nach Begleichung ihrer Wohnkosten unter die relative Armutsgrenze fallen. Vor der Berücksichtigung dieser Ausgaben gelten sie nach dem üblichen einkommensbezogenen Maßstab nicht als arm. Die Fundación de Estudios de Economía Aplicada, kurz Fedea, bezeichnet diese Gruppe als Menschen in „versteckter Armut“.
Für 2025 weist die Untersuchung zunächst eine konventionelle relative Armutsquote von 19,5 Prozent aus. Werden die Kosten für den Zugang zur Wohnung vom verfügbaren Einkommen abgezogen, steigt der errechnete Anteil auf 23,5 Prozent. Die Differenz zeigt nach Auffassung der Autoren, wie stark die tatsächlichen finanziellen Spielräume von Haushalten mit ähnlichen Einkommen voneinander abweichen können.
Bei den Zahlen handelt es sich nicht um eine neue amtliche Armutsstatistik. „Versteckte Armut“ ist eine analytische Kategorie dieser Modellstudie. Die Berechnung ergänzt die konventionelle Einkommensbetrachtung um Wohnkosten und soll sichtbar machen, was Haushalten nach dem Bezahlen ihrer Unterkunft verbleibt. Weitere Berichte zur sozialen und wirtschaftlichen Lage finden Leser unter Nachrichten.
Marktmieter sind besonders stark betroffen
Die zusätzliche Belastung konzentriert sich der Studie zufolge außergewöhnlich stark auf Menschen, die ihre Wohnung zu Marktpreisen mieten. Von den Marktmietern, die vor Abzug der Miete nicht als arm eingestuft werden, fallen 25,4 Prozent nach der monatlichen Zahlung unter die Schwelle. Damit betrifft der Effekt ungefähr jeden vierten zuvor nicht armen Marktmieter.
Insgesamt lebten 2025 nach der konventionellen Berechnung 32,8 Prozent der Menschen in Marktmietwohnungen unter der relativen Armutsgrenze. Nach Abzug der tatsächlich gezahlten Miete steigt dieser Anteil auf 49,9 Prozent. Fast die Hälfte dieser Bevölkerungsgruppe verfügt dem Modell zufolge nach der Mietzahlung somit nur noch über ein Einkommen unterhalb des angesetzten Schwellenwerts.
Auch die Zusammensetzung der versteckten Armut unterstreicht die besondere Rolle des Mietmarktes: 72,5 Prozent der insgesamt 1,95 Millionen Betroffenen sind Marktmieter. Zugleich nahm der Anteil der Bevölkerung in diesem Wohnverhältnis im Untersuchungszeitraum zu. Er stieg von 12,1 Prozent im Jahr 2014 auf 17,4 Prozent im Jahr 2025.
ECV-Mikrodaten bilden die Grundlage
Die Untersuchung trägt den Titel „El Coste de la Vivienda y la Pobreza Oculta en España: 2014-2025“. Verfasst wurde sie von José Ignacio Conde-Ruiz von Fedea und der Universidad Complutense de Madrid sowie Álvaro Pinto von Fedea und der Universidad de Alcalá. Grundlage sind Mikrodaten der spanischen Erhebung zu den Lebensbedingungen, der Encuesta de Condiciones de Vida (ECV), die vom nationalen Statistikinstitut INE erhoben wird.
Die Studie kommt zugleich zu dem Ergebnis, dass die Einbeziehung der Wohnkosten den grundsätzlichen Rückgang der Armut zwischen 2014 und 2025 nicht umkehrt. Sie hebt das gemessene Niveau jedoch systematisch an. Nach Einschätzung der Autoren verschärfen Wohnkosten außerdem die wirtschaftliche Lage vieler Menschen, die bereits vor deren Abzug unterhalb der Armutsgrenze liegen.
Ein besonders hohes wohnungsbezogenes Risiko sieht die Analyse bei Haushalten mit einer jungen Bezugsperson, einer außerhalb der Europäischen Union geborenen Bezugsperson sowie in angespannten Wohnungsmärkten. Als Beispiele werden Madrid, die Balearen und Katalonien genannt. Hintergründe zu diesen und weiteren Gebieten bietet die Übersicht zu den Regionen Spaniens.
Wohneigentum kann die Belastung anders verteilen
Die Autoren untersuchen auch die sogenannte unterstellte Miete. Diese Rechengröße bildet den wirtschaftlichen Vorteil ab, den insbesondere Eigentümer ohne laufende Hypothek dadurch haben, dass sie keine marktübliche Miete zahlen müssen. Wird dieser Vorteil dem Einkommen rechnerisch hinzugefügt, würden rund 3,38 Millionen Menschen, die nach dem monetären Einkommen als arm gelten, die Armutsgrenze überschreiten.
Dieser Effekt betrifft laut Studie vor allem ältere Eigentümer ohne Hypothek. Die Autoren betonen allerdings, dass die unterstellte Miete kein zusätzlich verfügbares Bargeld darstellt. Sie soll vielmehr verdeutlichen, dass zwei Haushalte mit gleich hohem Einkommen wegen unterschiedlicher Wohnkosten über deutlich verschiedene wirtschaftliche Spielräume verfügen können.
Studie empfiehlt Anpassung sozialpolitischer Maßstäbe
Fedea vergleicht die verschiedenen Einkommensmaße zudem mit schwerer materieller und sozialer Entbehrung. Die konventionelle Armutsmessung erfasste 2025 demnach 46,7 Prozent der davon betroffenen Menschen. Nach Abzug der Zugangskosten für Wohnraum erhöht sich die Abdeckung auf 56,9 Prozent. Bei Berücksichtigung der gesamten Wohnausgaben steigt sie auf 66,1 Prozent.
Aus den Ergebnissen leiten die Autoren ab, dass das verfügbare Einkommen zwar eine zentrale Größe zur Messung des Wohlstands bleibt, allein aber nicht sämtliche Unterschiede zwischen Haushalten erfasst. Sie empfehlen deshalb, Wohnkosten ausdrücklich bei der Gestaltung staatlicher Einkommenssicherungen wie dem Ingreso Mínimo Vital zu berücksichtigen. Damit könnten Unterstützungsleistungen nach ihrer Argumentation stärker an der wirtschaftlichen Situation nach Bezahlung der Unterkunft ausgerichtet werden.
Die Studie liefert damit keine neue amtliche Definition von Armut, sondern eine ergänzende Perspektive auf vorhandene Daten. Ihr zentraler Befund lautet: Der Wohnstatus und die tatsächlich zu tragenden Kosten entscheiden erheblich darüber, wie viel Geld Haushalten mit formal ähnlichen Einkommen für den übrigen Lebensunterhalt bleibt.
Ratgeber zum Thema
Hintergrund und Praxiswissen, das über die aktuelle Meldung hinausgeht.
Wohnen in Spanien: Miete, Kauf und Wohnungssuche
Wie Wohnungssuche, Mietvertrag und Immobilienkauf in Spanien wirklich ablaufen.
Immobilien in Spanien kaufen
Nebenkosten, Steuern und Fallstricke beim Kauf einer Immobilie in Spanien.
Finanzen und Steuern in Spanien
Bankkonto, Steuerpflicht, Abgaben und laufende Kosten im Überblick.
Behörden und Recht in Spanien
NIE, Meldebescheinigung, Aufenthalt und die wichtigsten Behördengänge.
Quelle
Cadena SER – „Casi 2 millones caen bajo el umbral tras pagar el alquiler“
https://cadenaser.com/nacional/2026/09/16/casi-2-millones-de-espanoles-caen-por-debajo-del-umbral-de-la-pobreza-cuando-pagan-el-alquiler-cadena-ser/elDiario.es – „El coste de la vivienda convierte en pobres a dos millones“
https://www.eldiario.es/economia/2-millones-espanoles-convierten-pobres-coste-vivienda_1_13514900.htmlEuropa Press – „Fedea advierte del impacto de la vivienda en la pobreza“
https://www.europapress.es/economia/construccion-y-vivienda-00342/noticia-fedea-advierte-tasa-pobreza-espana-dispararia-235-incluyendo-coste-vivienda-20260916093221.html
Redaktion Spanienleben.de
Wir berichten aus Spanien über Auswandern, Alltag, Immobilien und aktuelle Nachrichten – recherchiert anhand offizieller Quellen und spanischer Medien.
Veröffentlicht am 17. September 2026
Unsere RedaktionsleitlinienArtikel teilen
Kennst du jemanden, für den dieser Beitrag interessant ist?
Die Spanien-Woche – jeden Sonntag kostenlos im Posteingang
Verpasse keine wichtige Nachricht mehr: Jeden Sonntag senden wir dir die wichtigsten Meldungen aus Spanien. Kostenlos und jederzeit abbestellbar.
Ähnliche Artikel

Spanien prüft Gesetzesänderung für schwimmend ankommende Migranten
Die spanische Sozialistische Arbeiterpartei PSOE prüft eine Gesetzesreform zur sofortigen Zurückweisung von Migranten, die schwimmend die Grenze erreichen. Anlass ist eine vom Obersten Gerichtshof festgestellte rechtliche Lücke. Nach dem Stand vom 18. September 2026 handelt es sich ausschließlich um eine Prüfung; eine Gesetzesänderung ist weder beschlossen noch in Kraft.

Mehr Baugenehmigungen, weniger fertige Wohnungen: Spaniens Baustau
In Spanien wächst die Zahl genehmigter Wohnungsprojekte, doch auf vielen Baustellen geht es nur langsam oder gar nicht voran. In der ersten Jahreshälfte 2026 stieg die genehmigte Fläche für Neubau und umfassende Wohnsanierung deutlich. Fachkräftemangel und höhere Materialkosten verhindern jedoch, dass aus Genehmigungen zügig fertige Wohnungen werden. Für deutschsprachige Neubaukäufer bedeutet das längere Wartezeiten, während das knappe Angebot den Preisdruck im Bestand verstärkt.

Sonderumlage nach dem Vorvertrag: Wer zahlt beim Wohnungskauf?
Zwischen Arras-Vertrag und notarieller Beurkundung kann eine beschlossene Sonderumlage erhebliche Zusatzkosten verursachen. In einem aktuellen Praxisfall geht es um 13.000 Euro für Arbeiten am Hauseingang und am Aufzug. Nach spanischem Wohnungseigentumsrecht entscheidet nicht allein das Datum des Beschlusses, sondern grundsätzlich, wer bei Fälligkeit der jeweiligen Rate Eigentümer ist. Der Stand dieser Einordnung ist der 18. September 2026.
